Hey Freeda: Das erste Jahr
Zwischen den Wolken zeichnet sich ein schneebedeckter Gipfel der Langtang-Kette ab. Von Namobuddha aus bietet sich dieser atemberaubende Blick auf einen der vielen Siebentausender des Himalaya – ein perfektes Symbol für das Erreichen scheinbar unerreichbarer Ziele. | Fotos: © Janine Beck
Aufbruch mit Rückenwind
Ein Jahr kann lang oder kurz sein – je nachdem, was man daraus macht. Unser erstes komplettes Jahr als Hey Freeda war beides: zu kurz für all die Pläne, die wir für das Jahr hatten, und gleichzeitig so ereignisreich, dass jeder Monat wie ein eigenes kleines Jahr erscheint. Was wir in den 16 Monaten seit Vereinsgründung erreicht haben, haben wir allerdings nicht zu träumen gewagt. Hier ein kleiner Rückblick.
Was wir gemeinsam feiern können
Hier soll die Zukunft beginnen: Die Wielandshöhe in Stuttgart – nicht nur ein Sternerestaurant, sondern bald auch Ausbildungsort für drei junge Nepalesinnen.
Von Nepal in die Sterneküche
Eva und Vincent Klink vom Restaurant Wielandshöhe in Stuttgart bieten drei Frauen eine außergewöhnliche berufliche Perspektive: Lhadron kann eine Ausbildung als Commis de Cuisine beginnen, Pema und Tsering werden als Commis de Rang ausgebildet – eine großartige Chance für alle drei, die zeigt: Mit der richtigen Unterstützung sind keine Grenzen gesetzt. Wir sind überwältigt von dieser einzigartigen Chance, dem entgegengebrachten Vertrauen und nicht zuletzt der Geduld.
Lhadron, Pema und Tsering warten auf das Go.
Den ursprünglich geplanten Ausbildungsbeginn im Dezember 2024 mussten wir leider verschieben – die Botschaft hat die Visa nicht erteilt.
Doch wir bleiben optimistisch, Lhadron, Pema und Tsering lernen intensiv Deutsch und bereiten sich auf die Prüfungen am Goethe-Institut (GZK) vor. Mit einer erfolgreich bestandenen A2-Prüfung sollte auch den Visa nichts mehr im Weg stehen.
Unser Zuhause in Kathmandu
Gemeinsames Lernen in der WG: Tashi, Pema, Tsering, Lhadron und Pema T. (v.l.n.r.) | Foto: © Nyima Bhuti
Nur fünf Monate nach der Vereinsgründung, konnten wir im Februar 2024 eine Wohnung in Kathmandu anmieten: 3 Zimmer, eine Küche und ein eigenes Bad mit Dusche. Dank der schnellen Spenden war die Wohnung im März bereits mit dem Nötigsten eingerichtet – unglaublich!
Ausblick aus der neuen Wohnung. Mehr Bilder findest du auf Instagram.
Die Wohngemeinschaft der Frauen ist mittlerweile mehr als nur eine Unterkunft: Sie ist ein Ort der Gemeinschaft und des Lernens geworden. Nachdem Pema und Karma uns im Sommer leider Richtung Kuwait verlassen haben, leben hier im Moment Lhadron, Pema, Tsering, Tashi und Kunsang.
Dank der tollen Weihnachtsspenden konnten wir am Ende des Jahres sogar noch warme Decken und Kissen für alle kaufen.
Was uns 2024 beschäftigt hat
Gefährliche Hoffnung: Arbeit in den Golfstaaten
Anfang Juli trafen Pema und Karma eine folgenschwere Entscheidung: Sie nahmen Arbeit in Kuwait an. Diese Entscheidung hat uns tief bewegt, denn wir wissen um die oft prekären Bedingungen für Arbeitsmigrantinnen in den Golfstaaten. Viele nepalesische Arbeitskräfte sind dort dem Kafala-System ausgesetzt.
Auch wenn es beiden gut geht (Stand: 01/25), müssen wir sichere Alternativen zur risikoreichen Arbeitsmigration schaffen.
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Das Kafala-System ist ein Sponsorschaft-System in den Golfstaaten, bei dem Arbeitsmigrant:innen vollständig von ihrem Arbeitgeber abhängig sind. Dieser kontrolliert ihre Aufenthaltserlaubnis, Arbeitserlaubnis und oft sogar ihre Pässe. Das System wird häufig missbraucht und führt zu ausbeuterischen Arbeitsbedingungen. Pema und Karma verdienen 450 Euro im Monat, während das Durchschnittsgehalt in Kuwait bei knapp 4000 Euro liegt.
Quelle: Salary Explorer (2023/24)
Wasserkrise im Himalayan Komang Home
Die neue Quelle (blau) und im Hintergrund die erste Filterung des Wassers.
Ende Juni standen wir vor einer ernsten Herausforderung: Die Wasserversorgung im Himalayan Komang Home versiegte vollständig. Dank der schnellen und großzügigen Unterstützung haben wir Nothilfe in Höhe von 800 Euro leisten können.
Bis die Arbeiter auf eine neue Wasserquelle gestoßen sind, dauerte es über eine Woche. Mit den Spenden haben wir einen Teil der Reparaturarbeiten zahlen können und vor allem konnte die Versorgung mit Trinkwassertanks überbrückt werden.
Warum es Probleme mit der Wasserversorgung gab, kannst du im Artikel “Klimawandel: Schneemangel im Himalaya” nachlesen.
Der lange Weg zum Visum
Vorbereitungen für die Visaanträge: Kopieren, Formulare ausfüllen, Dokumente zusammenstellen, Passfotos machen, oft bis spät in die Nacht.
September in Kathmandu
Mit drei Arbeitsverträgen im Gepäck reiste ich im September nach Nepal. Ziel war es, die Frauen bei den Visaanträgen zu unterstützen. Das hat hervorragend geklappt.
Doch trotz der sorgfältigen Vorbereitung erhielten wir nach den Interviews zwei Ablehnungen. Die Begründung der Botschaft: unzureichende Sprachkenntnisse. Das war für uns alle ein wirklich herber Rückschlag.
Für Lhadron haben wir Einspruch eingelegt und warten seit zwei Monaten auf Antwort. Tsering möchte den Antrag neu stellen. In der Zwischenzeit lernen alle noch intensiver Deutsch und legen Mitte Februar die A2-Prüfung am Goethe-Zentrum Kathmandu (GZK) ab.
Frage um Frage sprudelt aus aus Ashita heraus, ihre Neugierde ist ein Fest. Während sie für ihren Bachelors in Business Administration lernt, will sie alles wissen: über Ausbildungswege, Studienmöglichkeiten, die verschiedenen Visa, über Deutschland, die Menschen und über ihre Chancen.
Die Reise war aber noch mehr: Ich habe junge Frauen getroffen und intensive Gespräche mit ihnen über ihre Zukunft geführt. Einige haben konkrete Berufswünsche, andere suchen noch nach ihrer Richtung, viele überlegen, ob sie ins Ausland gehen sollen. Was sie alle eint: Sie wissen nicht, wie sie eine Ausbildung oder ein Studium finanzieren sollen.
Alle Begegnungen bestärken mich in dem, was wir tun: Wir müssen Alternativen zur risikoreichen Arbeitsmigration schaffen. Bildung und Ausbildung, egal ob in Nepal oder in Deutschland, sind der Schlüssel für eine selbstbestimmte Zukunft. Mentoring und Beratung sind dabei genauso wichtig wie finanzielle Hilfe.
Wir verkaufen für den guten Zweck
Drei Flohmärkte im Test
Drei mehr oder weniger erfolgreiche Flohmärkte: Der Hinterhofflohmarkt im Frühjahr war nicht nur lauschig und wunderschön, er war auch sehr erfolgreich. Mit dem Erlös haben wir die Aufnahmeprüfung für Kunsang bezahlt.
Der Trempelmarkt eine Woche später und der Kreativmarkt in Erlangen, kurz vor Weihnachten, waren lustig aber weniger erfolgreich. Wir freuen uns also einfach auf den nächsten Hinterhofflohmarkt im Frühjahr 2025 und bereiten uns darauf vor. Sobald der Termin steht, geben wir ihn auf Instagram bekannt.
Tashi und Kunsang
Mehr als Mitbewohnerinnen: Tashi (links) und Kunsang teilen nicht nur den Frühstückstisch, sondern auch ihre Träume. Während Tashi Armbänder für ihren Lebensunterhalt fertigt, bereitet sich Kunsang auf ihre Ausbildung zur Krankenschwester vor.
Tashis Armbänder und Kochkünste
Tashi arbeitet nicht nur als Köchin im Himalayan Komang Hostel, sie stellt auch wunderschöne Armbänder her. Aus dem Verkaufserlös (Fingerhood und Spenden) konnten wir ihr im Dezember 2024 zum ersten Mal 90 Euro überweisen.
Tashis Weg ist anders als der ihrer Mitbewohnerinnen. Tashi hat keine Familie, ist fast taub und hat keine Unterlagen, mit denen sie einen Pass beantragen könnte. Mit den Voraussetzungen ist eine Ausbildung für sie fast unmöglich, ebenso das Erlernen einer neuen Sprache.
Daher ist es uns ein ganz besonderes Anliegen, die junge Frau mit dem Verkauf der Armbänder dauerhaft zu unterstützen. Der Erlös fließt direkt in ihre monatliche Unterstützung.
Du möchtest Tashi helfen?
Handgefertigte Hoffnung: Jedes von Tashis Armbändern ist ein Unikat. Der Verkaufserlös soll ihr langfristig ein monatliches Einkommen sichern. | Video: © Janine Beck
Zwei Wege führen zum Armband: Besuche uns auf Etsy – nach und nach aktualisieren wir dort den Bestand. Oder du schreibst uns eine E-Mail, wir schicken dir dann gerne ein paar Bilder der Armbänder zur Auswahl.
Kunsang möchte Krankenschwester werden
Unter 9000 Bewerber*innen aus ganz Nepal brauchte Kunsang einen Platz: Das hat sie geschafft. Im Sommer 2024 bestand sie die Aufnahmeprüfung zur Krankenschwester-Ausbildung. Seitdem wartet sie auf ihre Zulassung – ein zermürbender Prozess in Nepal.
Ihre Motivation ist sehr persönlich: Ihre Mutter ist erkrankt und sie möchte ihr helfen. Doch der Weg zum Traumberuf ist steinig. Die vierjährige Ausbildung kostet 160 Euro pro Monat – eine enorme Summe, selbst für uns. Für Kunsang unbezahlbar.
Die junge Frau steht beispielhaft für viele Frauen in Nepal: hochmotiviert, talentiert und mit klarem Berufsziel. Was fehlt, ist die finanzielle Perspektive. Hier erfährst du mehr über Kunsang.
Gemeinsam ins zweite Jahr
Unsere Ziele für 2025: Bildung schafft Zukunft
Konkrete Projekte
Vier unserer Frauen stellen sich am 16. Februar der A2-Prüfung am GZK
Pema, Tsering und Lhadron bekommen ihr Visum und beginnen ihr Ausbildung in der Wielandshöhe
Gemeinsam mit Tashi erweitern wir das Armband-Projekt
Kunsang unterstützen wir auf ihrem Weg zur Krankenschwester
Pema bereiten wir auf ihr Auslandssemester 2026 in Deutschland vor
Strukturelle Entwicklung
Deutschkurse systematisch ausbauen: von Duolingo bis zu GZK-Zertifikaten
Visa-Management für angehende Auszubildende professionalisieren
Weitere Arbeits- und Ausbildungschancen im In- und Ausland ermöglichen
Beratung und Unterstützung weiterer Frauen ausbauen
Soziale Sicherheit
Das Himalayan Komang Home erhält verstärkte Unterstützung für Mädchen und Frauen
Die WG-Miete langfristig sichern – sie ist das Fundament unserer Arbeit
Gemeinsam verändern wir Leben. Mit Bildung. Mit Chancen. Mit Perspektiven.
Was 2023 als Idee begann, ist heute eine Geschichte von Mut und Vertrauen. Wir stolpern, wir lernen, wir wachsen. Manchmal scheitern unsere schönsten Pläne an kulturellen Missverständnissen. Dann wieder öffnen sich Türen, von denen wir nicht einmal zu träumen wagten. Und wir lernen täglich dazu - über kulturelle Feinheiten, persönlichen Erwartungen und deren Management, über die Bedeutung klarer Kommunikation und verlässlicher Strukturen.
Und es gibt sie, die Erfolgsgeschichten: Kunsang strahlt, wenn sie von ihrer Ausbildung zur Krankenschwester erzählt. Tashi kocht nicht nur wunderbar, sie entwickelt sich zur Schmuckdesignerin. Ashita träumt von einem Job oder einem Masterstudiengang in Deutschland. Und Pema? Sie plant bereits ihr Auslandssemester und lernt so fleißig Deutsch, dass wir sie bestimmt bald zur C1-Prüfung anmelden können.
Diese Erfolge sind auch eure Erfolge. Ihr alle habt Türen geöffnet: Die IHK Nürnberg, die unbürokratisch hilft und einen Blick auf die Zeugnisse wirft. Die Lehrkräfte am GZK, die nach einer verpassten Anmeldungen zur Prüfung sagen: “Kein Problem, wir finden eine Lösung”. Amnesty International, die uns spätabends mit Rat und Tat zur Seite stehen. Und dann seid da ihr – all die Menschen, die einfach helfen. Die zuhören. Die verstehen. Die inspiriren. Danke ♥️
Besonders dankbar bin ich all jenen, die dabei unsere Grundsätze von Respekt, Transparenz und Selbstbestimmung teilen und leben. Die wissen, dass echte Unterstützung bedeutet, die Würde und Privatsphäre jeder Frau zu achten. Die Wege in die Unabhängigkeit aufzeigen, statt Abhängigkeiten zu schaffen.
Genau diese Haltung hat aus einzelnen Unterstützern ein starkes Netzwerk und Freundschaften wachsen lassen. So wurden aus vagen Ideen konkrete Projekte. Jetzt geht es in die nächste Runde. Ich freue mich sehr darauf.
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So wirkt deine Unterstützung
→ 160 Euro monatlich ermöglichen Kunsang die Ausbildung zur Krankenschwester.
→ Im Deutschkurs wachsen nicht nur Sprachkenntnisse – hier wächst auch das Selbstvertrauen.
→ Jedes verkaufte Armband hilft Tashi auf ihrem Weg in die Selbstständigkeit.
→ Mit deiner Spende schaffen wir ein Zuhause. Unsere Wohngemeinschaft ist der sichere Hafen, von dem aus unsere Frauen ihren Weg in die Zukunft starten.
Du kannst auch direkt auf unser Vereinskonto spenden:
Sparkasse Nürnberg
Hey Freeda e. V.
IBAN: DE89 7605 0101 0015 1713 66
SWIFT-BIC: SSKNDE77XXX
Verwendungszweck: [z. B. Miete, Essen, Nothilfe, Bildung]
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